Presseschau im August 2002

 

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Eltern machen Front gegen Lange
Nach Lehrern und Schülern üben nun auch die Eltern heftige Kritik am Bildungssenator. Elternkammer-Vorsitzende Sabine Bick wünscht sich für die Schulen ein radikales Umdenken

Nicht nur die Schüler üben Druck auf den Bildungssenator aus
Foto: dpa
Von Nicola Sieverling
Wenige Tage nach Schuljahresbeginn kommt es knüppeldick für Bildungssenator Rudolf Lange. Nicht genug, dass ihm die starke Lobby der Lehrer und Schüler ordentlich ins Gewissen redet - jetzt wird auch der Protest der Elternkammer immer lauter. Lange läuft Gefahr, ausgerechnet die als unpolitisch geltende Interessenvertretung für 230.000 Eltern von Hamburger Schulkindern gegen sich aufzubringen. In WELT am SONNTAG fordert die Vorsitzende der Elternkammer Sabine Bick eine grundlegend neue Weichenstellung in der Bildungspolitik und präsentiert ein ganzes Bündel von Reformvorschlägen.

"An dem Potenzial unserer Kinder darf doch nicht gespart werden. Eine gute Schulbildung ist die beste Altersversorgung. Den Schwerpunkt Bildung im neuen Senat sehe ich nicht. Der ist anscheinend abhanden gekommen", kritisiert die Mutter von zwei Söhnen, die seit 14 Jahren Elternarbeit macht. Verärgert zeigt sich die Elternkammer besonders darüber, dass der ihrer Ansicht nach notwendige Schock durch die Pisa-Studie in Hamburg offenbar ohne Folgen bleibt. Statt endlich einen durchgreifenden Systemwechsel an Hamburgs Schulen einzuläuten, mache der Bildungssenator mit der gut gemeinten Sprachförderung und der Verzahnung mit Vorschulen nur "Flickwerk".

Die Elterkammer-Vorsitzende fordert dagegen ein Schulsystem für die Hansestadt nach finnischem Vorbild. Eltern sollten sich aktiv an dieser Strukturdebatte beteiligen. Beim skandinavischen Nachbarn würden Schüler individuell nach ihrer Begabung gefördert und gefordert, weil ein Lehrer maximal für 16 Schüler verantwortlich sei. Mit ihm würden Zielvereinbarungen abgeschlossen, die regelmäßig überprüft werden. Das finnische System verhindert nach Ansicht von Sabine Bick, dass ein Schüler, der nicht funktioniert, in ein nächstniedrigeres System abgeschult wird und sich letztlich keine Schule für seine Bildung verantwortlich fühlt.

"Dieses finnische System müssen wir auf Hamburg übertragen. Er stärkt die Eigenverantwortung und das Selbstbewusstsein der Schüler und Lehrer. Schüler bekommen außerdem wieder Spaß am Lernen. Das wird ihnen bei uns zu oft verleidet", betont die Vorsitzende der Elternkammer und macht deutlich, dass den Finnen ein Grundschüler pro Jahr 5000 Dollar wert ist. In Deutschland sind es nur 3531 Dollar. "Wir legen in der Bildung das Geld falsch an. Es muss zuerst mit der Grundschule in die Basis für das Wissen unserer Kinder investiert werden. Wir stecken mehr in die Oberstufe. Wenn wir dies umsteuern, können wir mit weniger Geld mehr erreichen."

Die Vorsitzende der Elternkammer ist davon überzeugt, dass länderübergreifende Standards die Bildungsmisere beheben können. "Jeder kocht sein eigenes Süppchen. Alle Bildungsminister sollten an einem Strang ziehen. Ein nationaler Bildungskonsens muss her, der sich über das Parteiengezänk von Gesamtschule gegen das dreigliedrige Schulsystem stellt. Das ist meine ganz persönliche Meinung als Mutter", betont sie. "Es muss der Lernerfolg der Schüler im Mittelpunkt stehen und nicht die Debatte über die Schulform. Das muss Politik von den Pisa-Gewinnern lernen."

Analog zum jüngsten Vorstoß in Schleswig-Holstein spricht sich die Elternkammer-Vorsitzende außerdem für stärkere Leistungskontrollen an Hamburgs Schulen aus. Ein Expertengremium soll Qualität und Mängel an Schulen überprüfen. Zudem werden für alle Schularten, Kernfächer und Schulstufen Standards erarbeitet. "Wir brauchen einen Schul-TÜV. Wenn Schulen im Rahmen der Schulautonomie mehr Eigenverantwortung haben wollen, müssen sie sich auch kontrollieren lassen. Ich möchte vor allem Eltern einbeziehen. Sie werden an Schulen zu oft als Störenfriede angesehen, haben doch aber den besten Blick für das, was ihre Kinder brauchen."

Wenn der Schul-TÜV kommt, dürften die teilweise proppevoll gefüllten Klassenzimmer der Vergangenheit angehören. Empört ist die Elternkammer über die hohen Klassenfrequenzen, die nach den Sommerferien wegen Lehrermangel an vielen Schulen eingerichtet werden mussten. "Es gibt einen Mathe-Leistungskurs mit 25 Schülern und an einer Gesamtschule sogar einen Grundkurs in Physik mit 37 Schülern. Wo bleibt da die Verantwortung von Senator Lange für die Bildung unserer Kinder?", fragt sich Sabine Bick.

Das gelte auch für das voreilig eingeführte Abitur nach zwölf Jahren. Beschlossen sei bislang nur, dass es ab Klasse fünf mit Mathematik und Deutsch zwei Stunden pro Woche mehr geben werde. Bei den Eltern herrscht nach Kenntnis von Sabine Bick jedoch große Verunsicherung, wie es danach weitergeht. "Ein Konzept aus der Behörde liegt nicht vor", moniert die Elternkammer-Vorsitzende und kritisiert, dass viele Schüler mangels eines Schulangebots für ein gesundes Mittagessen nach Hause müssten, um dann aber nachmittags wegen der Schulzeitverkürzung den erweiterten Unterricht wahrzunehmen. "Wie kann man über Schulzeitverkürzung reden, wenn die Rahmenbedingungen nicht stimmen?", fragt Sabine Bick.

Verärgert ist die Interessenvertretung der Eltern mit ihren 400 Elternräten aber auch über das andauernde Schweigen des Bildungssenators darüber, welche Bereiche den Sparvorgaben seiner Behörde von 12,8 Millionen Euro zum Opfer fallen müssen. "Wir wissen nicht, wie und was gespart wird. Unsere nächste Sitzung ist am 1. Oktober. Dann ist der Haushalt schon längst in der Bürgerschaft eingebracht", kritisiert Sabine Bick. Mit dieser Verzögerungstaktik des Bildungssenators werde das gesetzlich verankerte Mitspracherecht der Elternkammer ausgehebelt. Offenbar habe die Elternkammer nur eine Alibifunktion. "Wir fühlen uns übergangen", bringt es die Vorsitzende auf den Punkt.

Ebenso ungehört verhallte in der Behörde des FDP-Senators der Vorschlag des Gremiums nach der angekündigten Einschränkung der Lernmittelfreiheit mit der angestrebten finanziellen Beteiligung von Eltern an Schulbuchkosten. "Die Elternkammer hat ein Pfandsystem vorgeschlagen. Der Schüler geht dann mit dem Buch pfleglich um, und die Eltern erhalten nach der Rückgabe der unbeschädigten Lektüre das Geld zurück. Das ist ein fairer Kompromiss", erläutert Sabine Bick. Bislang jedoch habe sich der Senator auch zu diesem Vorschlag nicht geäußert.

Channel: Hamburg
Ressort: Hansestadt Hamburg
Erscheinungsdatum: 25. 08. 2002

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Von Anfang an unter großem Druck
Seit seinem Amtsantritt steht Bildungssenator Rudolf Lange von der FDP im Kreuzfeuer der Kritik
Hamburg nic - Die Opposition spart nicht mit harten Worten und wirft dem ehemaligen Konteradmiral Dilettantismus und Führungsschwäche vor. Erst wurde Lange der Lehrerlüge bezichtigt, weil doch weniger Lehrer, als im Wahlkampf versprochen, eingestellt werden. SPD-Bildungsexpertin Britta Ernst und GAL-Schulfachfrau Christa Goetsch sind der Ansicht, dass damit vor allem der Lehrermangel von morgen produziert wird. Den Berechnungen von SPD und GAL zufolge werden im Jahr 2005 mindestens 1000 Lehrer in Hamburgs Klassenzimmern fehlen. "Schon jetzt drohen Unterrichtsausfälle, weil die Vertretungsreserven nicht reichen", ergänzt Christa Goetsch.

Nicht genug des Ärgers: Anschließend wurde um das Anmelde-Chaos an den Grundschulen gestritten, weil der FDP-Senator den Eltern die Wahl für die Schule überließ und sich damit von den alten Grenzen der Schuleinzugsgebiete verabschiedete. Nach Auffassung der SPD ist durch diese unsinnigen Vorgaben an vielen Grundschulen die Situation entstanden, dass Nachbarkinder nicht aufgenommen werden konnten. Dann kündigte Rudolf Lange an, die Lernmittelfreiheit abschaffen zu wollen und die Eltern an den Kosten für Schulbücher zu beteiligen. Es hagelte Proteststürme nicht nur von der Opposition, sondern auch von der starken Lobby der Lehrer, Schüler und Eltern. Weitere Kritikpunkte sind nach wie vor die nach Einschätzung von SPD und GAL überhastete Einführung des verkürzten Abiturs in zwölf Jahren und der den Gesamtschulen verordnete Systemwechsel in nur vier Wochen mit dem Radikalabbau von insgesamt 3882 Wochenstunden seit dem Ende der Sommerferien.

Wenig Fingerspitzengefühl bewies Lange mit der öffentlichen Demontage seines in Fachkreisen als kompetent geltenden Amtsleiters für Schule Peter Daschner. Er musste gehen und wurde durch die 69-jährige CDU-Politikerin Ingeborg Knipper ersetzt.

Channel: Hamburg
Ressort: Hansestadt Hamburg
Erscheinungsdatum: 25. 08. 2002

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Neues Bündnis für mehr Musikunterricht
An Hamburgs Schulen sollen nicht nur die Kernfächer gefördert werden
Von Torsten Gerber
Hamburg - Mit einem "Hamburger Bündnis für Musikunterricht" will Wolfhagen Sobirey, Präsident des Landesmusikrates, die musikalische Erziehung in der Hansestadt fördern. Um die ist es nämlich mehr als schlecht bestellt: "Die Situation des Musikunterrichts in den Hamburger Schulen macht uns große Sorgen; der Verband deutscher Schulmusiker schätzt, dass bereits jetzt 80 Prozent der Gymnasiasten ab der Klassenstufe 9 keinen Musikunterricht mehr haben", klagt Sobirey.

Um hier nachhaltig Abhilfe zu schaffen, soll das "Hamburger Bündnis" auf eine möglichst breite Basis gestellt werden. Wolfhagen Sobirey hat deshalb Kontakt mit allen Persönlichkeiten und Institutionen des hanseatischen Musik-, Gesellschafts- und Kulturlebens aufgenommen, darunter mit Generalmusikdirektor Ingo Metzmacher, Musikhochschulpräsident Hermann Rauhe, der Kulturbehörde, den Eltern- und Schülerkammern sowie dem NDR-Sinfonieorchester. Die Initiative sei bereits auf rege Resonanz gestoßen, so Sobirey, auch in der Politik. Sowohl die CDU- wie auch die SPD-Fraktion hätten den Vorstoß begrüßt.

Gründungstermin und -ort stehen bereits fest: "Am 14. September wollen wir das éHamburger Bündnis' offiziell im Rahmen des Projektes éMUSIKMUSIK!' in der Hochschule für Musik und Theater ins Leben rufen", sagt Sobirey. Am 28. August soll in einem Vorgespräch mit allen Beteiligten der Gründungsaufruf beraten werden, dessen Entwurf WELT am SONNTAG vorliegt. Dieser enthält eine Liste mit 13 Forderungen und Vorschlägen zur Verbesserung der Situation. Unter anderem wird Hamburg nahe gelegt, Privatmusikerzieher künftig durch Befreiung von der Umsatzsteuer zu entlasten, die musikalischen Fähigkeiten der Kinder bereits im Kindergarten durch tägliches Singen und instrumentales Musizieren zu fördern sowie junge Menschen verstärkt zu motivieren, das Schulfach Musik zu studieren.

An musikpädagogischem Nachwuchs fehle es nämlich eklatant, wie Wolfhagen Sobirey bedauert: "Immer weniger Lehramtsstudenten interessieren sich für das Fach Musik; eine Entwicklung, die schon seit mehreren Jahren zu beobachten ist." Was natürlich nicht zuletzt an den schlechten schulischen Rahmenbedingungen liegt. So werde ein bedeutender Teil der Studienseminar-Absolventen mit dem Fach Musik derzeit nicht eingestellt, bestätigt der Landesmusikrats-Präsident.

Aber auch die ausgebildeten Musiklehrer stoßen oft genug auf Probleme, die all ihre Bemühungen zunichte machen: "Es klafft eine verhängnisvolle Lücke zwischen der klassischen Ausbildung und Orientierung der meisten Musikpädagogen und der Musik, die ihre Schüler bevorzugen; die Lehrerschaft ist durch die Popularmusik regelrecht überrollt worden und hat teilweise schon resigniert", stellt Sobirey fest. Wenn bei den Schülern Terrain gewonnen werden solle, müsse sich hier auf Seiten der Lehrer etwas tun, meint Sobirey, das bedeute aber keine Absage an die klassische Musikkultur, die unbedingt weiterhin gepflegt werden müsse.

"Insgesamt kann es doch nicht angehen, dass Deutschland einerseits der drittgrößte Musikmarkt der Welt ist und hier gleichzeitig die Basis der Musikkultur zunehmend schwindet", kritisiert er. Überhaupt hält Sobirey die derzeitige Bildungsdiskussion für verfehlt: "Das Ziel jeder Bildungspolitik sollten vielseitige und kreative Persönlichkeiten sein, Bildung muss daher alle Sinne anregen. Die augenblickliche Betonung der Hauptfächer wie Mathematik, Naturwissenschaften und Fremdsprachen ist zu einseitig an der unmittelbaren späteren Nutzanwendung orientiert." Die ästhetische Erziehung werde dagegen mehr und mehr vernachlässigt, obwohl gerade sie die Kreativität zur Entfaltung bringen könne, die unsere Gesellschaft in Zukunft mehr denn je benötige.

Channel: Hamburg
Ressort: Hansestadt Hamburg
Erscheinungsdatum: 25. 08. 2002

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"Union hat das falsche Konzept"
SPD-Bundespolitikerin Renate Schmidt stellte in Altona ihr neues Buch "SOS.Familie" vor. WELT am SONNTAG sprach mit hr und SPD-Landeschef Olaf Scholz über Kinderbetreuung und Familienpolitik
WELT am SONNTAG: Der Buchtitel "SOS.Familie" klingt nach Notstand. Ist es tatsächlich so schlimm bei uns bestellt?

Renate Schmidt: Wir haben in Deutschland die niedrigste Geburtenrate in der europäischen Union und dadurch einen dramatisch schlechten Bevölkerungsaufbau. Wir haben heute 38 Millionen Arbeitnehmer und werden bei unverändertem Geburtenverhalten in 2040 noch 24 Millionen haben, die Hälfte davon älter als 45 Jahre alt. Was das für die Innovationsfähigkeit unserer Wirtschaft, für Forschung und Technologie bedeutet, können wir uns genauso wenig vorstellen wie die Wirkungen auf uns selbst. Wir können im Alter nämlich nicht von Aktiendepots gepflegt werden, und auch unsere Sparguthaben werden uns unsere Brötchen nicht backen. Deshalb müssen wir heute die Weichen anders stellen, damit junge Menschen sich ihre vorhandenen Kinderwünsche erfüllen. Denn das Bedürfnis nach Familie wächst.

WamS: Sie fordern eine familienpolitische Revolution, unter anderem mit dem Ausbau von staatlichen Kinderbetreuungseinrichtungen. Wer soll das bezahlen?

Schmidt: Wir haben eine absolute Unterversorgung bei der Betreuung der Kleinsten mit fünf Prozent Krippenplätzen in Deutschland. In Bayern sind es nur 1,4 Prozent. Wir haben zu wenige wirkliche Ganztagskindergärten, denen oft ein Mittagstisch fehlt, und deutlich zu wenige Ganztagsschulen. Wieso haben andere Länder wie Frankreich und die skandinavischen Länder es aber geschafft, obwohl sie nicht reicher sind? Sie haben für die Kleinsten ein Betreuungsangebot zwischen 35 und 50 Prozent. In Frankreich ist die so genannte Ecole Maternelle für Kinder zwischen drei und sechs Jahren bis 16 Uhr kostenlos. In anderen Ländern sind über drei Jahrzehnte hinweg andere Prioritäten gesetzt worden. Das müssen wir auch tun, allerdings die Kommunen dabei unterstützen. Die Gemeindefinanzreform wird bald kommen. Wir sollten uns aber keine Wunder davon versprechen. Wir haben zu viele Vorschriften, angefangen von den Abständen zwischen den Handtuchhaltern in Kindergärten bis hin zu den viel zu teuren öffentlichen Bauten. Hier sehe ich Möglichkeiten zum sparen. Der Bundeskanzler hat versprochen und im Haushaltsentwurf 2003 umgesetzt, dass in der nächsten Legislaturperiode insgesamt vier Milliarden Euro in Ganztagsschulen investiert werden.

Olaf Scholz: ...und das bedeutet allein für Hamburg in den nächsten vier Jahren über 150 zusätzliche Ganztagsschulen. Mal ein Vergleich: Der Hamburger Senat will drei pro Jahr schaffen. Das reicht nicht. Die SPD hat ein klares Ziel: Wir wollen, dass alle Eltern, die beide berufstätig sind, einen Ganztagsbetreuungsplatz für ihre Kinder finden. Das ist auch möglich angesichts dessen, was wir in den Jahren der SPD-Regierung in Hamburg geschafft haben. Zwar ist auch das mit einer großen Kraftanstrengung verbunden, aber es wäre wohl mit einer Summe von 80 Millionen Euro für Hamburg zu schaffen. Wir haben die flächendeckende Betreuung schon vor der Bürgerschaftswahl fest versprochen. Jetzt werden wir die neue Regierung daran messen.

WamS: Sie bezeichnen Elternurlaub als Falle. Warum?

Schmidt: Dies stammt von Prof. Fthenakis, der beschreibt, dass die Zufriedenheit mit ihrer Lebenssituation bei den meisten Müttern während der Elternzeit sinkt. 80 Prozent wünschen sich, früher wieder erwerbstätig zu sein und dies mit Familie vereinbaren zu können. Der Anspruch auf Teilzeitbeschäftigung und die Flexibilisierung der Elternzeit hat Verbesserungen gebracht. Aber das reicht noch nicht.

WamS: Väter spielen in den Familien eine untergeordnete Rolle. Sind ihre Bedürfnisse untergegangen?

Scholz: Wir haben im Rahmen der SPD-Themeninitiative "Kinder und Familie" den Väterforscher Fthenakis gehört. Der hat vor gut 200 Menschen gesagt, dass sich die Väter heute schon gern mehr um ihre Kinder kümmern möchten. Aber die deutsche Gesellschaft hindert sie bislang daran. Es ist deshalb gut, dass es jetzt einen Rechtsanspruch auf Teilzeitarbeit gibt. Nehmen wir Holland als Vorbild: Da arbeiten auf ähnlicher Rechtsgrundlage mittlerweile auch Männer Teilzeit, die in Führungspositionen arbeiten.

Schmidt: Ich glaube, dass mehr junge Männer auch als Väter über einen gewissen Zeitraum Familienarbeit leisten wollen. Teilzeitbeschäftigung und Elternzeit darf für sie deshalb nicht berufsschädigend sein - ebenso wenig wie für Mütter. Familienkompetenzen müssen im Beruf anerkannt werden. Sie sind heute wichtig in Führungsfunktionen. In Amerika machen Manager schweinisch teure Seminare, um diese Kompetenzen zu erwerben, die man ganz kostenlos in der eigenen Familie erhalten kann, und Karriere muss auch jenseits des 45. Lebensjahres noch möglich sein.

WamS: Was blüht uns mit Stoibers Familienpolitik?

Schmidt: Die Union hat das falsche Konzept. Die 600 Euro Familiengeld pro Kind und Monat für die ersten drei Lebensjahre, dann 300 Euro bis zum 18 Lebensjahr und anschließend 150 Euro, solange das Kind in der Ausbildung ist, würde uns 32,4 Milliarden Euro zusätzlich pro Jahr kosten. Dann hat der Staat keinen einzigen Cent mehr für Betreuungseinrichtungen. Es dient also nicht der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, aber auch nicht der Armutsbekämpfung. Für diejenigen, die benachteiligt sind, ist der Reiz groß, mit drei Kindern 1800 Euro zu bekommen. Dann setzen sie womöglich mehr Kinder in die Welt, als sie verkraften können. Nach drei Jahren lässt man diese Frauen dann mit ihren Kindern in der Sozialhilfe allein.

Scholz: Stoiber hat sich sein Familienbild aus den Anfängen des letzten Jahrhunderts herübergerettet. Stoibers "Familiengeld" ist eine Luftnummer, es ist seriös nicht zu finanzieren. Was ganz fies ist: Er will Frauen vom Arbeitsmarkt drängen - durch fehlende Betreuungsangebote. Und das Recht auf Teilzeitarbeit für Männer und Frauen will er wieder abschaffen. Das ist Familienpolitik im Rückwärtsgang.

Das Gespräch führte Nicola Sieverling.

Renate Schmidt: "SOS.Familie"

Die Frau, die für die SPD eine familienpolitische Revolution fordert, weiß, wovon sie redet: Renate Schmidt hat drei Kinder groß gezogen und den Spagat zwischen ihrem Job als Systemanalytikerin und ihrer Aufgabe als Mutter am eigenen Leib erfahren. Familienpolitik ist für sie mehr als Frauenförderung. Ihr Buch "SOS.Familie" stellt Renate Schmidt am Mittwoch um 18 Uhr in der Buchhandlung Christiansen, Bahrenfelder Straße 79/Spritzenplatz, vor.

Channel: Hamburg
Ressort: Hansestadt Hamburg
Erscheinungsdatum: 25. 08. 2002
 

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